Kurz erklärt
Nachlackierung bezeichnet jede Lackierung, die nach der werkseitigen Erstlackierung auf ein Fahrzeugbauteil aufgebracht wird, etwa nach einem Unfall, wegen Kratzern, Steinschlag oder Korrosion. Weil intakte Altlackschichten meist überlackiert werden, ist der Schichtaufbau in der Regel dicker als ab Werk. Nachweisen lässt sich eine Nachlackierung vor allem durch Schichtdickenmessung und Sichtprüfung unter Inspektionslicht.
Bei jeder Lackaufbereitung messen wir zuerst die Lackschichtdicke, und dabei finden wir regelmäßig nachlackierte Bauteile. Für uns ist das keine Wertung, sondern eine wichtige Information: Reparaturlack verhält sich beim Polieren anders als Serienlack. Für dich als Halter, Käufer oder Leasingnehmer ist die Nachlackierung außerdem eine Frage der Dokumentation.
Welche Arten von Nachlackierung gibt es?
Die Deutsche Kommission für Lack und Karosserieinstandsetzung unterscheidet mehrere handwerkliche Lackierprozesse und nennt dafür Anhaltswerte der Gesamtlackschichtdicke. Zum Vergleich: Eine Serienlackierung liegt bei idealem Prozess meist zwischen 80 und 130 µm.
| Lackierprozess | typischer Anlass | Anhaltswert Gesamtschichtdicke |
|---|---|---|
| Neuteillackierung, unbeschädigtes Montageteil | Ersatzteil wie Stoßfänger oder Kotflügel | ca. 70–150 µm |
| Neuteillackierung, Einschweiß- oder Klebeteil | eingesetztes Seitenteil oder Schweller | ca. 80 µm bis mehrere Millimeter |
| Reparaturlackierung mit Schleiffüller, ohne Spachtel | Kratzer, Steinschläge, Lackschäden | ca. 100–650 µm |
| Reparaturlackierung nach Instandsetzung, mit Spachtel | Unfallschaden mit Blecharbeit | ca. 100 µm bis mehrere Millimeter |
Dazu kommen Spot-Repair, bei dem nur ein kleiner Bereich neu aufgebaut wird, und die Beilackierung, bei der angrenzende Bauteile mit Basis- oder Klarlack angeglichen werden, damit kein Farbtonunterschied sichtbar bleibt. Auch Umlackierungen in einen anderen Farbton zählen zu den Nachlackierungen.
Warum ist eine Nachlackierung dicker?
Bei einer handwerklichen Lackierung werden intakte Lackschichten laut Deutscher Kommission für Lack und Karosserieinstandsetzung nicht abgeschliffen, sondern überlackiert. Die Originallackierung bildet die Basis für den neuen Aufbau. Zusätzlich muss zwischen Schadstelle und intakter Lackierung ein nahtlos nivellierter Übergang entstehen. Grundierung, Füller, Basislack und Klarlack ergeben deshalb im Regelfall Gesamtschichtdicken von bis zu 250 µm und mehr. Polyesterspritzspachtel kann weitere 300 µm und mehr hinzufügen.
Wie gemessen wird
Die Lackschichtdicke wird zerstörungsfrei gemessen. Auf Stahl arbeiten die Geräte magnetinduktiv nach DIN EN ISO 2178, auf Aluminium und anderen Nichteisenmetallen nach dem Wirbelstromverfahren gemäß DIN EN ISO 2360. Beide Verfahren zeigen nur die Summe aller Schichten. Grundierung, Füller, Spachtel, Basis- und Klarlack lassen sich damit nicht einzeln unterscheiden. Auf Kunststoffteilen funktionieren beide Verfahren nicht, weil ihnen der metallische Untergrund fehlt. Dort bleibt meist nur die Sichtprüfung.
Warum eine hohe Schichtdicke kein Beweis ist
Eine hohe Schichtdicke allein beweist keine Unfallreparatur. Die Deutsche Kommission für Lack und Karosserieinstandsetzung weist darauf hin, dass auch auf fabrikneuen Fahrzeugen Werte bis 500 µm und teils höher vorkommen, etwa durch werkseitige Nacharbeit, Sonderlackierungen oder Ausbesserungen vor der Auslieferung. Aussagekräftig ist vor allem der Vergleich benachbarter Bauteile und der Verlauf innerhalb eines Bauteils. Deshalb empfiehlt die Kommission, bei Fahrzeugübernahme ein Schichtdickenprotokoll zu erstellen.
Woran erkennst du eine Nachlackierung?
| Merkmal | mögliche Ursache | Prüfung |
|---|---|---|
| deutlich höhere Messwerte als am Nachbarbauteil | zusätzlicher Schichtaufbau | Schichtdickenmessung an mehreren Punkten je Bauteil |
| leichter Farbtonunterschied, besonders bei Metallic | andere Pigmentausrichtung oder Mischung | Betrachtung unter verschiedenen Lichtquellen und Winkeln |
| abweichende Oberflächenstruktur | anderer Verlauf, zum Beispiel stärkere Orangenhaut | Streiflicht und Spiegelbild einer geraden Kante |
| Staubeinschlüsse, Läufer, Schleifspuren | handwerkliche Applikation | Inspektionslicht aus kurzer Distanz |
| Lacknebel auf Dichtungen, Kanten von Abklebungen | nicht vollständig demontierte Anbauteile | Sichtprüfung an Fugen, Gummis und Kunststoffteilen |
Kein Merkmal ist für sich allein beweiskräftig. Erst die Kombination aus Messung und Sichtprüfung ergibt ein belastbares Bild.
Was bedeutet eine Nachlackierung für Politur und Versiegelung?
Reparaturlack unterscheidet sich vom Serienlack. Serienklarlack wird bei hohen Temperaturen eingebrannt, Reparaturklarlacke härten bei deutlich niedrigeren Temperaturen. Ein gängiger 2K-Reparaturklarlack trocknet laut Herstellerdatenblatt bei 20 °C in 10 Stunden oder bei 60 °C in 30 Minuten. Härte und Polierverhalten können sich deshalb von Bauteil zu Bauteil unterscheiden. Ein Pad und eine Politur, die auf der Tür gut funktionieren, können auf einem nachlackierten Kotflügel anders schneiden.
Frisch lackierte Flächen sind zudem erst nach vollständiger Durchtrocknung bereit für eine Versiegelung. Den genauen Zeitpunkt bestimmt das jeweilige Lacksystem. Wir fragen deshalb immer nach, wann und womit lackiert wurde.
So gehen wir in der Halle vor
- Messprotokoll: Wir messen jedes Bauteil an mehreren Punkten und halten die Werte fest. So erkennen wir Nachlackierungen und Zonen mit wenig Reserve.
- Sichtprüfung: Unter Inspektionslicht prüfen wir Farbton, Struktur, Einschlüsse und Übergänge, um die Messwerte einzuordnen.
- Testfläche je Bauteil: Auf nachlackierten Flächen legen wir eine eigene Testfläche an, weil sich Reparaturlack in Härte und Schnittverhalten unterscheiden kann.
- Angepasste Korrektur: Im Rahmen der Lackaufbereitung polieren wir mit der mildesten wirksamen Kombination und gleichen die Optik der Bauteile einander an.
- Schutz nach Freigabe: Erst wenn der Reparaturlack durchgehärtet ist, tragen wir eine Keramikversiegelung auf.
Tipp aus der Halle
Lass beim Kauf oder bei der Übernahme eines Leasingfahrzeugs die Lackschichtdicke protokollieren. Bei der Rückgabe oder beim Verkauf kannst du dann belegen, welche Werte schon vorhanden waren. Mehr dazu findest du bei der Verkaufsaufbereitung.
Häufige Fragen zu Nachlackierung
Wie erkennt man, ob ein Auto nachlackiert wurde?
Am zuverlässigsten ist eine Schichtdickenmessung an mehreren Punkten jedes Bauteils, verbunden mit dem Vergleich benachbarter Teile. Ergänzend zeigen Farbtonunterschiede, eine abweichende Oberflächenstruktur, Staubeinschlüsse oder Lacknebel auf Dichtungen eine mögliche Nachlackierung an. Kein einzelnes Merkmal ist für sich beweiskräftig. Erst Messung und Sichtprüfung zusammen ergeben ein belastbares Bild.
Ab welcher Lackschichtdicke ist ein Bauteil nachlackiert?
Einen festen Grenzwert gibt es nicht. Serienlackierungen liegen laut Deutscher Kommission für Lack und Karosserieinstandsetzung meist bei 80 bis 130 µm, ab Werk kommen aber auch Werte bis 500 µm vor. Reparaturlackierungen erreichen im Regelfall bis zu 250 µm und mehr, mit Spachtel deutlich darüber. Aussagekräftig ist deshalb vor allem der Vergleich mit den Nachbarbauteilen.
Kann man eine Nachlackierung polieren und versiegeln?
Ja, sobald der Reparaturlack vollständig durchgehärtet ist. Wann das der Fall ist, hängt vom Lacksystem und den Trocknungsbedingungen ab. Reparaturlack kann sich in Härte und Polierverhalten vom Serienlack unterscheiden, deshalb legen wir auf nachlackierten Bauteilen eine eigene Testfläche an. Danach lässt sich die Fläche wie jede andere versiegeln.
Ist eine Nachlackierung ein Unfallschaden?
Nicht zwingend. Bauteile werden auch wegen Kratzern, Steinschlägen, Parkschäden oder Korrosion nachlackiert, und selbst ab Werk kommen Ausbesserungen vor. Eine Nachlackierung zeigt nur, dass an einem Bauteil gearbeitet wurde. Ob ein Unfallschaden vorlag, lässt sich erst mit weiteren Prüfungen der Karosserie und mit Dokumenten wie Reparaturrechnungen beurteilen.
Quellen: Deutsche Kommission für Lack und Karosserieinstandsetzung: Merkblatt Gesamtschichtdicke (2025), DIN EN ISO 2178, magnetinduktive Schichtdickenmessung, DIN EN ISO 2360, Schichtdickenmessung nach dem Wirbelstromverfahren, Glasurit: Technische Information Klarlack VOC 923-666

