Kreidung

Kreidung macht Lack matt und lässt ihn beim Abwischen abfärben. Hier liest du, wie sie entsteht, wie sie geprüft wird und wann eine Politur hilft.

Weißer Mercedes-Benz Pagode nach der Aufbereitung bei Autopflege Meilinger

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Kurz erklärt

Kreidung ist ein Alterungsschaden pigmentierter Beschichtungen, bei dem das organische Bindemittel an der Oberfläche durch UV-Strahlung, Sauerstoff und Feuchte abgebaut wird. Pigment- und Füllstoffpartikel liegen dann frei, die Oberfläche wirkt matt und weißlich und färbt beim Abwischen ab. Den Kreidungsgrad bewertet die Norm DIN EN ISO 4628-6 mit dem Klebebandverfahren auf einer Skala von 0 bis 5.

In der Halle begegnet uns Kreidung vor allem bei Einschichtlackierungen älterer Fahrzeuge und Nutzfahrzeuge, bei glasfaserverstärkten Aufbauten mit Gelcoat und bei unlackierten Kunststoffteilen. Der Lack wirkt blass und stumpf, und das Poliertuch nimmt Farbe an. Ob eine Politur hilft oder nur eine Neulackierung, hängt davon ab, wie tief der Abbau reicht.

Wie entsteht Kreidung?

Ein Lack besteht im Kern aus Bindemittel, Pigmenten und Füllstoffen. Das Bindemittel ist ein organisches Polymer, das die Partikel umhüllt und an den Untergrund bindet. An der Oberfläche ist es UV-Strahlung, Luftsauerstoff und Feuchte direkt ausgesetzt und wird dort rascher abgebaut als in tieferen Schichten. Die Strahlung erzeugt Radikale, die Polymerketten spalten. Mit jeder Bewitterungsperiode verliert die oberste Zone an Bindemittel, bis die Partikel nur noch lose aufliegen.

Die Rolle von Titandioxid

Titandioxid ist das wichtigste Weißpigment und steckt auch in vielen bunten Farbtönen. Es ist ein Halbleiter: Licht, dessen Energie über der Bandlücke liegt, erzeugt im Kristall Elektron-Loch-Paare. Für die Modifikation Anatas beträgt die Bandlücke etwa 3,2 eV, für Rutil etwa 3,0 eV. Das entspricht Wellenlängen im UV-Bereich um 390 nm und darunter. An der Partikeloberfläche entstehen so Hydroxylradikale, die das umgebende Bindemittel oxidieren. Feuchtigkeit verstärkt diesen Kreidungszyklus. Lackhersteller setzen deshalb bevorzugt die stabilere Rutil-Modifikation ein und beschichten die Pigmentpartikel mit Aluminiumoxid, Siliciumdioxid oder Zirconiumdioxid, um die photokatalytische Aktivität zu dämpfen.

Warum gekreidete Flächen weiß und matt wirken

Solange Pigmente und Füllstoffe vollständig im Bindemittel eingebettet sind, ist die Oberfläche glatt und reflektiert Licht gerichtet. Liegen die Partikel frei, entstehen an jeder Grenzfläche zwischen Partikel und Luft starke Lichtbrechungen. Füllstoffe, die im Bindemittel farblos sind, erscheinen dann weiß. Die raue Oberfläche streut das Licht diffus, der Glanzgrad sinkt, und dunkle Farbtöne wirken grau überzogen.

Wo tritt Kreidung am Fahrzeug auf?

Untergrundtypisches BildEinordnung
Einschicht-Unilack, etwa bei älteren Pkw und Nutzfahrzeugenblasser, matter Farbton, Tuch färbt in Lackfarbe abklassische Kreidung, oft polierbar
Zweischichtlack aus Basislack und KlarlackVermattung, Mikrorisse, später Ablösung des Klarlackskeine Kreidung im engeren Sinn, da Klarlack pigmentfrei ist
Gelcoat an GFK-Aufbauten von Wohnmobilen und Bootenweißlich stumpfe, abfärbende OberflächeKreidung der pigmentierten Harzschicht
Unlackierte KunststoffanbauteileVergrauen, hellgrauer AbriebPhotooxidation des Polymers, kreidungsähnliches Bild

Abgrenzung zu verwandten Schadensbildern

  • Ausbleichen: Hier werden die Farbmittel selbst abgebaut, der Farbton verändert sich, ohne dass zwingend Partikel freiliegen. In der Praxis treten beide Effekte oft gemeinsam auf.
  • Verschmutzung: Ein Film aus Straßenschmutz, Kalk oder Wachsresten kann ebenfalls matt und hell wirken. Die Norm betont ausdrücklich, dass Abbauprodukte des Lacks von anhaftendem Schmutz zu unterscheiden sind.
  • Klarlackschäden: Bei modernen Zweischichtlacken altert zuerst der Klarlack. Sein Versagen zeigt sich als Vermattung, Rissbildung und Ablösung, nicht als Abfärben.

Wie wird Kreidung geprüft?

Genormt ist die Bewertung in DIN EN ISO 4628-6, aktuelle Ausgabe Januar 2024. Beim Klebebandverfahren wird ein Klebestreifen auf die gereinigte Fläche gedrückt, abgezogen und auf einen Kontrastuntergrund geklebt. Die Menge der anhaftenden Partikel wird mit Vergleichsbildern abgeglichen und einer Stufe von 0 bis 5 zugeordnet.

  • 0: keine Veränderung
  • 1: sehr geringe Kreidung
  • 2: geringe Kreidung
  • 3: mittlere Kreidung
  • 4: starke Kreidung
  • 5: sehr starke Kreidung

In der Halle reicht oft eine Wischprobe mit einem sauberen Mikrofasertuch auf der frisch gewaschenen Fläche. Zusätzlich messen wir die Lackschichtdicke, denn bei einem Einschichtlack trägt jede Politur direkt pigmentiertes Material ab.

Was hilft gegen Kreidung?

Eine Politur trägt die abgebaute Zone ab und legt darunterliegendes, intaktes Material frei. Farbtiefe und Glanz kehren dann zurück. Das gelingt, solange der Abbau auf eine dünne Oberflächenzone begrenzt ist und genügend Schichtdicke vorhanden ist. Ist das Bindemittel tief geschädigt, der Lack rissig oder die Restschichtdicke gering, hilft nur eine Neulackierung. Bei unlackierten Kunststoffen lässt sich die Oberfläche reinigen und schützen, der Werkstoffabbau ist aber nicht umkehrbar.

Vorbeugend wirkt alles, was UV-Belastung und Feuchte an der Oberfläche reduziert: ein Stellplatz im Schatten oder in der Garage, regelmäßige Wäsche und eine Schutzschicht, die zuerst belastet wird. Nach der Korrektur schützen wir die Oberfläche mit einer Keramikversiegelung. NGC+ ist laut Hersteller für Lack, Kunststoffe und Folien geeignet.

So gehen wir in der Halle vor

  1. Wäsche und Dekontamination: Erst auf einer sauberen Fläche lassen sich Abbauprodukte von Schmutz und Belägen unterscheiden.
  2. Bewertung: Wischprobe und Sichtprüfung zeigen, wie stark die Oberfläche kreidet und ob ein Einschicht- oder Zweischichtlack vorliegt.
  3. Messung: Wir messen die Lackschichtdicke je Bauteil, um Reserven und frühere Nachlackierungen zu erkennen.
  4. Testfläche: Wir ermitteln die mildeste Kombination aus Politur, Pad und Maschine, die die gekreidete Zone vollständig entfernt.
  5. Korrektur: Bei der Lackaufbereitung arbeiten wir ein- bis mehrstufig. Beim Einschichtlack färbt sich das Pad in Lackfarbe, das ist bei diesem Aufbau zu erwarten.
  6. Kontrolle: Nach dem Entfetten prüfen wir das Ergebnis unter Inspektionslicht ohne Füllstoffe aus der Politur.
  7. Schutz: Eine Versiegelung nimmt die Alltagsbelastung auf. Bei der Keramikversiegelung folgt ein Kontrolltermin nach 12 Monaten.

Kreidende Gelcoat-Aufbauten von Wohnmobilen und anderen großen Fahrzeugen bearbeiten wir im Bereich Spezialfahrzeuge.

Tipp aus der Halle

Färbt dein Waschhandschuh nach der Wäsche in Lackfarbe ab, ist das ein deutliches Zeichen für Kreidung eines Einschichtlacks. Lass den Lack dann vor der nächsten Saison prüfen, solange noch genügend Material für eine Politur vorhanden ist.

Häufige Fragen zu Kreidung

Warum färbt mein Autolack beim Abwischen ab?

Färbt der Lack beim Abwischen in seiner Farbe ab, handelt es sich meist um Kreidung eines Einschichtlacks. Das Bindemittel an der Oberfläche ist durch UV-Strahlung abgebaut, und lose Pigmentpartikel bleiben am Tuch haften. Bei Lacken mit Klarlack ist das in dieser Form nicht zu erwarten, weil der Klarlack keine Pigmente enthält. Eine Prüfung der Schichtdicke zeigt, ob eine Politur noch möglich ist.

Kann man kreidenden Lack polieren?

In vielen Fällen ja. Die Politur trägt die abgebaute Oberflächenzone ab und legt intaktes Material frei, Farbe und Glanz kehren zurück. Voraussetzung ist eine ausreichende Lackschichtdicke, die wir vorher messen. Bei tiefem Abbau, Rissen oder zu geringer Restschicht hilft nur eine Neulackierung.

Kreidet auch Klarlack?

Im engeren Sinn nein, denn Kreidung setzt freiliegende Pigmente oder Füllstoffe voraus, und Klarlack ist pigmentfrei. Auch Klarlack altert aber unter UV-Strahlung. Sein Abbau zeigt sich als Vermattung, Mikrorisse und im Endstadium als Ablösung vom Basislack. Eine abgelöste Klarlackschicht lässt sich nicht polieren, sondern muss neu lackiert werden.

Wie kann man Kreidung vorbeugen?

Entscheidend ist, UV-Belastung und Feuchte an der Oberfläche zu verringern. Ein überdachter Stellplatz, regelmäßige schonende Wäsche und eine Schutzschicht wie eine Versiegelung verlangsamen den Abbau. Die Schutzschicht wird dabei zuerst belastet und muss deshalb gepflegt und kontrolliert werden. Aufhalten lässt sich die Alterung eines Lacks nicht, wohl aber deutlich verzögern.

Quellen: DIN Media: DIN EN ISO 4628-6:2024-01, Bewertung des Kreidungsgrades nach dem Klebebandverfahren, Wikipedia: Kreidung, chemie.de Lexikon: Photokatalytische Selbstreinigung (Titandioxid)

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Porträt von Felix Meilinger, Ansprechpartner bei Autopflege Meilinger

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